Hafermilch hat sich in den letzten Jahren zur gefeierten Alternative für alle entwickelt, die Kuhmilch meiden möchten oder müssen. Ob aus ethischen Gründen, wegen Laktoseintoleranz oder einfach aus Neugier – der cremige Haferdrink steht mittlerweile in fast jedem Supermarktregal. Doch während sich viele auf die vermeintlich sichere pflanzliche Option verlassen, lauern in manchen Produkten unerwartete Gefahren. Besonders Menschen mit Nussallergien, Glutenunverträglichkeit oder Soja-Sensibilität sollten einen genaueren Blick auf die Verpackung werfen, denn was harmlos aussieht, kann allergene Substanzen enthalten, die nicht immer deutlich erkennbar sind.
Wenn die Produktionsanlage zum Problem wird
Klingt erstmal simpel: Hafer, Wasser, vielleicht ein Schuss Öl und eine Prise Salz – fertig ist die Hafermilch. Die Realität in den Produktionshallen sieht jedoch anders aus. Viele Hersteller pflanzlicher Milchalternativen produzieren nicht nur Haferdrinks, sondern auch Mandel-, Haselnuss- oder Sojamilch auf denselben Anlagen. Selbst wenn zwischen den Produktionsläufen gründlich gereinigt wird, können mikroskopisch kleine Rückstände zurückbleiben. Für die meisten Menschen völlig irrelevant – für Allergiker potenziell gefährlich.
Diese Kreuzkontaminationen sind heimtückisch, weil sie nicht zur offiziellen Rezeptur gehören. Sie tauchen deshalb nicht in der Zutatenliste auf, sondern verstecken sich hinter Formulierungen wie „Kann Spuren von Nüssen enthalten“ oder „In einem Betrieb hergestellt, der auch Soja verarbeitet“. Wer eine schwere Allergie hat, weiß: Bereits winzige Mengen reichen manchmal aus, um heftige Reaktionen auszulösen. Dokumentierte Fälle zeigen, dass selbst Milchprotein-Kontaminationen in vermeintlich milchfreien Produkten zu anaphylaktischen Symptomen führen können, wenn die Anlagen vorher für milchhaltige Produkte genutzt wurden.
Das versteckte Glutenproblem
Wer mit Zöliakie lebt oder glutenempfindlich ist, könnte denken: Hafer ist doch kein Weizen, also kein Problem. Stimmt und stimmt nicht zugleich. Hafer selbst enthält kein Gluten im klassischen Sinne, sondern Avenine – strukturell unterschiedliche Proteine, die von den meisten Menschen mit Glutenunverträglichkeit vertragen werden. Die Krux liegt woanders: beim Anbau, bei der Ernte oder Verarbeitung kann Hafer mit glutenhaltigen Getreidesorten wie Weizen in Kontakt kommen.
Bei der Hafermilchproduktion verschärft sich das Problem zusätzlich. Werden auf denselben Maschinen verschiedene Getreidedrinks hergestellt, steigt das Kontaminationsrisiko weiter an. Das bedeutet konkret: Auch wenn vorne drauf „Hafermilch“ steht, kann das Produkt für Menschen mit Zöliakie ungeeignet sein. Experten raten daher, gezielt nach Haferprodukten zu suchen, die explizit als glutenfrei zertifiziert sind – erkennbar am durchgestrichenen Ähren-Symbol.
Aromen und Zusatzstoffe als Tarnkünstler
Neben Kreuzkontaminationen verstecken sich allergene Substanzen manchmal auch direkt in den Zutaten – nur eben gut getarnt. Natürliche Aromen zum Beispiel klingen gesund und harmlos, können aber aus den unterschiedlichsten Quellen stammen, darunter auch aus allergenen Lebensmitteln. Die Kennzeichnungspflicht bezieht sich dabei auf die Funktion des Inhaltsstoffs, nicht zwingend auf dessen Herkunft.
Auch Emulgatoren, Stabilisatoren und Verdickungsmittel werden aus verschiedensten Rohstoffen gewonnen. Lecithin kann sowohl aus Soja als auch aus Sonnenblumen stammen. Bei Sojalecithin greift immerhin die Deklarationspflicht, da Soja zu den 14 Hauptallergenen gehört, die gesetzlich gekennzeichnet werden müssen. Trotzdem bleibt oft unklar, was sich genau hinter manchen E-Nummern verbirgt.
Wenn Hitze zum Problem wird
Ein Aspekt, den kaum jemand auf dem Schirm hat: die Verarbeitung selbst kann problematische Substanzen entstehen lassen. Untersuchungen von Physiologen der Universitäten Kopenhagen und Brescia zeigten, dass bei der UHT-Behandlung von Haferdrinks – jene Ultra-Hochtemperatur-Verarbeitung, die Milchalternativen haltbar macht – durch den höheren Zuckergehalt im Hafer gesundheitsgefährdende Reaktionsprodukte entstehen können.
Die in der Fachzeitschrift „Food Research International“ veröffentlichte Studie wies nach, dass Haferdrinks höhere Konzentrationen des Maillard-Produkts Acrylamid aufweisen können – zwischen 0,64 und 2,93 Mikrogramm pro 100 Milliliter. Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit hat Acrylamid als bedenklich eingestuft. Fairerweise muss gesagt werden: Manche frühen Maillard-Produkte wie Furosin wurden in pflanzlichen Drinks sogar in geringerer Konzentration gefunden als in Kuhmilchproben.
Schimmelpilzgifte in Haferprodukten
Mykotoxine klingen nach Laborjargon, sind aber ein reales Verbraucherthema. Diese natürlich vorkommenden Schimmelpilzgifte können in Getreide auftreten – und Hafer ist besonders anfällig. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit untersuchte 37 Proben von Haferdrinks und fand in der überwiegenden Mehrheit Mykotoxine: in 33 Proben DON, in 25 Proben STC und in 29 Proben T2/HT2-Toxine.

Tatsächlich weisen Hafer und Haferprodukte die höchsten Gehalte dieser Mykotoxine unter allen Getreideerzeugnissen auf. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bestätigt, dass T2/HT2-Toxine hauptsächlich über Getreide in die menschliche Ernährung gelangen, wobei Hafer besonders betroffen ist. Diese Toxine werden vorwiegend vom Pilz Fusarium langsethiae gebildet. Die Europäische Union hat darauf reagiert und 2024 erstmals Höchstgehalte für T2/HT2-Toxine in Haferdrinks festgelegt.
Wie man problematische Produkte erkennt
Der erste Schritt ist simpel, wird aber oft unterschätzt: die Zutatenliste wirklich lesen. Gesetzlich müssen die 14 häufigsten Allergene gekennzeichnet werden – darunter Gluten, Soja, Nüsse und Lupinen. Diese werden in der Zutatenliste hervorgehoben, meist durch Fettdruck, Großbuchstaben oder eine andere Schriftart. Soweit die Theorie.
Die Praxis ist komplexer: Diese Kennzeichnungspflicht gilt nur für Zutaten, die bewusst hinzugefügt wurden. Spurenhinweise wie „Kann Spuren enthalten“ sind freiwillige Angaben und werden nicht einheitlich gehandhabt. Manche Hersteller verzichten komplett darauf, selbst wenn ein Kontaminationsrisiko besteht. Andere sind übervorsichtig und geben Spurenhinweise an, obwohl das tatsächliche Risiko minimal ist.
Diese Formulierungen sollte man kennen
- „Kann Spuren von… enthalten“ – deutet auf mögliche Kreuzkontamination hin
- „Hergestellt in einem Betrieb, der auch… verarbeitet“ – weist auf gemeinsame Produktionsanlagen hin
- „Nicht geeignet für Personen mit Allergie gegen…“ – klare Warnung bei erhöhtem Risiko
- „Glutenfrei zertifiziert“ – bei Hafer besonders wichtig für Zöliakie-Betroffene
Online-Shopping und wechselnde Hersteller
Beim Online-Kauf fehlt die Möglichkeit, die Verpackung vor dem Bezahlen genau zu studieren. Produktfotos in Webshops zeigen oft nicht alle relevanten Informationen, und Produktbeschreibungen konzentrieren sich auf Marketing statt auf vollständige Allergeninformationen. Wer Allergien hat, sollte im Zweifelsfall beim Kundenservice nachfragen – auch wenn das nervig ist.
Besonders tückisch sind Eigenmarken großer Handelsketten. Hier wechselt der Hersteller häufig, ohne dass sich die Verpackung ändert. Was heute in einer nussfreien Produktionsanlage hergestellt wurde, kann nächsten Monat von einem anderen Lieferanten mit anderen Standards stammen. Selbst bei vertrauten Produkten lohnt sich deshalb der regelmäßige Kontroll-Blick auf die Kennzeichnung.
Sicherheit durch direkte Kommunikation
Wer auf Nummer sicher gehen will, fragt direkt beim Hersteller nach. Viele Unternehmen bieten mittlerweile detaillierte Allergeninformationen auf ihren Websites oder über Verbraucherhotlines an. Manche stellen sogar PDF-Listen zum Download bereit, die über gesetzliche Anforderungen hinausgehen.
Eine weitere Strategie: gezielt nach Produkten suchen, die explizit als allergenarm zertifiziert sind. Solche Siegel werden unabhängig kontrolliert und halten strengere Grenzwerte ein als gesetzlich vorgeschrieben. Das kostet zwar meist etwas mehr, bietet aber echte Sicherheit statt nur Hoffnung.
Wenn trotz allem etwas passiert
Selbst bei größter Vorsicht kann es zu unerwarteten allergischen Reaktionen kommen. In solchen Fällen das Produkt aufbewahren und den Vorfall dokumentieren. Den Hersteller informieren und gegebenenfalls die zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörden einschalten. Wenn die Kennzeichnung irreführend war oder wichtige Allergeninformationen fehlten, können solche Meldungen dazu beitragen, dass Produkte vom Markt genommen oder nachgebessert werden.
Menschen mit schweren Allergien sollten immer ein Notfallmedikament bei sich tragen. Die vermeintliche Sicherheit pflanzlicher Milchalternativen kann trügerisch sein, und gerade bei neuen Produkten oder Varianten ist erhöhte Wachsamkeit geboten. Hafermilch mag gesund und modern klingen, aber sie ist nicht automatisch sicherer als andere Lebensmittel.
Unterschiedliche Standards in der Produktion
Nicht alle Hersteller arbeiten nach den gleichen Standards. Während einige Betriebe strenge Allergen-Management-Systeme implementiert haben, die Kreuzkontaminationen weitgehend ausschließen, sind die Vorkehrungen anderswo weniger ausgeprägt. Produktionslinien, die ausschließlich für ein bestimmtes Produkt verwendet werden, minimieren das Risiko erheblich. Solche Informationen finden sich manchmal auf Herstellerwebsites unter Begriffen wie „dedizierte Produktionslinie“ oder „allergenfreie Produktionsumgebung“.
Wer ausgeprägte Allergien hat, profitiert davon, sich mit den Produktionspraktiken verschiedener Anbieter vertraut zu machen. Der direkte Dialog mit Herstellern kann überraschend aufschlussreich sein und hilft dabei, vertrauenswürdige Produkte zu identifizieren. Besonders bei Haferprodukten lohnt es sich, nach Herstellern zu suchen, die sowohl strenge Allergen-Kontrollen als auch Prüfungen auf Mykotoxine durchführen und Verarbeitungsstandards haben, die die Bildung unerwünschter Reaktionsprodukte minimieren.
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